Paranoia City Buch & Wein

Ankerstrasse 12, CH 8004 Zürich. Öffnungszeiten NEU Di – Fr: 11 bis 18.30 Uhr, Sa: 11 bis 17 Uhr. T 044 241 37 05. paranoiacity@paranoiacity.ch

Liebe Freund*Innen der Paranoia City

Während an den Grenzen der Festung Europas die Menschen schreien, scheinen die Strassen der Stadt ganz leise zu sein. Als ob die Welt mal kurz Halt macht, als ob alles warten, alles plötzlich langsam gehen und fliessen darf.
Diese Entschleunigung des Alltags dürfen jedoch nicht Alle geniessen. Viele Menschen leben isoliert, haben viel Care-Arbeit zu leisten, können sich das Fernbleiben am Arbeitsplatz nicht erlauben oder fühlen sich allein. Auch wenn wir die Türen unseres schönen Ladens nach nur kurzer Zeit schon wieder schliessen mussten, bleiben wir da! Wir wollen nach wie vor Bücher und Texte verbreiten.

Ihr könnt weiterhin bei uns Bücher bestellen per Mail an paranoiacity@paranoiacity.ch, telefonisch unter 044 241 37 05 (erreichbar DI-FR 12-17 Uhr), im Webshop auf paranoiacity.ch oder per Brief an die Ankerstrasse 12, 8004 Zürich. Wir beraten euch gerne telefonisch und bestellen alle lieferbaren Bücher! Je nach Möglichkeit liefern wir euch die Bücher nach Hause, versenden sie per Post (ab 50 Franken portofrei) oder ihr könnt sie in unserem Ladenbriefkasten abholen.

Weil wir laut und hörbar bleiben wollen, senden wir euch durch die skurrile Stille viele laute Stimmen und zwar so: Morgen, dem 1. April spielen lizard & the deer  ein Konzert im leeren Buchladen. Wir alle können es hören auf Radio Lora, um 19 Uhr auf 97.5 MHz. oder auf lora.ch!

Vergangenen Samstag hätte unser Einweihungsfest stattfinden sollen. Die starken Musiker*Innen lizard & the deer hätten uns dabei mit einem Konzert überrascht. Komische Zeiten machen erfinderisch. Darum spielen die Beiden trotzdem, live aus der Paranoia City Buchhandlung. Wir treffen uns also morgen übers Radio - und freuen uns, mit euch aus unseren Küchen und Stuben zusammen zu tanzen und uns dabei verbunden zu fühlen!
Ladet doch eure Freund*innen ein, uns alle beim Funkkonzert von Zuhause aus zu treffen!

Wie wär' s, wenn ihr mit euren Freund*Innen das selbe Buch lest und euch somit über die schwarzen Zeilen verbunden fühlt? Wir senden euch hier passende Buchtipps dazu:
1. Helena Adler; Die Infantin trägt den Scheitel links, Jung und Jung Verlag, 27.90 CHF// Melina empfiehlt: Ein Mädchen, das genug hat von ihrer unerträglichen Familie auf dem unzumutbaren Landleben. Ein witziger und schräger Dorfroman voller Anti-Idylle!
2. Alice Hasters; Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten, hanserblau Verlag, 24.50 CHF// Melina empfiehlt Es sind schon genug Bücher zum Thema Rassismus geschrieben, publiziert und gelesen worden? Ich denke nicht. Die Notwendigkeit von jeder einzelnen Geschichte und Stimme ist real.
3. Livia Anne Richard; Anna der Indianer, Cosmos Verlag, 29 CHF// Auline empfiehlt: In einer ganz feinen Stimme erzählt Anna ihre Geschichte als einziges Mädchen im Dorf, als komisches Kind, als eigenartiges Wesen zwischen den klar definierten Welten. Immer muss sie die Squaw spielen und das hat sie satt. Sie ist nämlich die einzige mit langen schwarzen Haaren und will lieber Winnetou sein. Ein ganz warmes Buch!
4. Katja Oskamp; Marzan, mon amour, Hanser Verlag, 22.90// Margot empfiehlt: Katja berichtet witzig und berührend von Menschen, die selten gesehen werden: Alte oft Kranke, gelebt in einem Land, das heute nicht mehr existiert. Nach den Portraits, kennen wir Gerlindes und Herr Huts Füsse besser als unsere eigenen.
5. Jessica Love; Julian ist eine Meerjungfrau, Knesebeck Verlag, 18.90 CHF// Margot empfiehlt: Für Kleine, die sowieso noch das Bunt der Blumen in den Dingen sehen. Und für Große, die Julian vielleicht daran erinnern muss, dass die Welt auch viel Wunderbares und Mutiges bereithält.
6. James Baldwin; Giovannis Zimmer, DTV, 28.90 CHF// Margot empfiehlt: Wir in Quarantäne, Giovanni und Jake in ihrem Zimmer. Ich zitiere: "Ich dachte, wenn ich nicht sofort die Türe aufmache und von hier verschwinde, bin ich verloren“. Baldwins singende Sätze rühren mich zu Tränen. Immer und immer wieder.
Oder mal bisschen was zu Care-Arbeit?
Jetzt wo die Zeit so langsam scheint, denken wir manchmal, was daraus wohl alles entstehen könnte! Wenn wir plötzlich begreifen würden, dass Sorgearbeit im Zentrum der Gesellschaft stünde, sich gesellschaftliches Zusammenleben gestalten würde ausgehend von menschlichen und nicht wirtschaftlichen Bedürfnissen, oh dann hätten wir endlich verstanden, was die Feminist*innen uns schon lange zu erklären versuchen.
Dazu gibt' s übrigens auch spannende Lektüren. Ganz neu erschienen ist das Buch von Almut Birken & Nicola Eschen, Links leben mit Kindern, Care Revolution zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ganz viele laute & wichtige Stimmen, so unglaublich ehrlich - unbedingt alle lesen!
Oder auch andere Titel zum Thema:
Care-Revolution, Schritte in eine solidarische Gesellschaft von Gabriele Winkle
Aufstand aus der Küche, Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution, Silvia Federici
Sie nenne es Leben, wir nennen es Arbeit, Biotechnologie, Reproduktion und Familie im 21. Jahrhundert, Kitchen Politics
Equal Care, Über Fürsorge und Demokratie, Almut Schnerring & Sasha Verlan

Ihr werdet von uns lesen. Und hören! Denn wir werden weitere Veranstaltungen senden aus dem Buchladen über' s Radio Lora. Was und wann und wie genau erfahrt ihr bald in einer nächsten Mail von uns!

Also, bis morgen dann! Um 19 Uhr, auf Radio Lora, 97.5 MHz oder auf lora.ch (hier gibt' s übrigens auch sonst tolles Sendeprogramm!) Wir senden euch laute Grüsse durch die Abendsonne

Eure drei Buchhändlerinnen

Melina, Margot und Auline 




Die Paranoia City hat, wie viele von euch wissen, eine lange Geschichte. 1975 haben fünf Kommunard*Innen sich in den Kopf gesetzt, in Zürich einen anarchistischen Buchladen aufzutun. Nach den Grundsätzen der Selbstverwaltung – alle machen alles, keine*r ist Chef*In - sollte Propaganda für eine Welt frei von Herrschaft betrieben werden. In einer Abbruchliegenschaft in der Altstadt eröffneten sie im Februar 1975 den Paranoia City Laden mit einem winzigen Sortiment an anarchistischer Literatur, Büchern zur AKW-Bewegung, zum Feminismus und zur Kultur Indigener Völker, sowie U-Comix.

Aus dem Selbstverwaltungs-Projekt mit dem Anspruch der Propaganda durch die Tat war die linke Genossenschafts-Quartierbuchhandlung mit dem Fenster zur Welt geworden. Seit der Eröffnung an diesem uns fernen Tag im Februar 1975 sind genau 45 Jahre vergangen. Nun, im Februar 2020 schreiben wir euch, weil die Geschichte der Paranoia City weitergeschrieben werden will. Anfang dieses Jahres haben die Gründer*Innen ihren Buchladen in neue Hände gegeben. Die Welt von heute nicht freier von Herrschaft als die Welt von damals. Doch überall auf der Welt leisten Menschen Widerstand. Unterdrückte, Hinschauende und Aufschreiende, Feminist*Innen, Umweltaktivist*Innen und Demonstrant*Innen, Schreiber*Innen und Denker*Innen kämpfen jeden Tag auf dem ganzen Globus für eine bessere Zukunft. So scheint uns die Aufgabe eines guten, kritischen und mutigen Buchladens umso wichtiger. Wir sind drei junge Buchhändlerinnen, die ähnlich wie die Fünf von damals, einen feministischen, kritischen und neugierigen Buchladen gestalten wollen.

Wir wollen Büchern Raum schaffen, die die Welt ebendieser Herrscher infrage stellen, die schon 1975 die Welt in Gut und Böse teilten. Wir interessieren uns für Bücher und Texte und deren Menschen dahinter, die dieses binäre Denken von Richtig und Falsch zu durchbrechen wagen. Wir wollen Literatur verbreiten, die patriarchale Muster in allen Bereichen durchbricht und den Raum jenen widmen, die querer denken.

Jedes bereichernde Buch das gekauft, weitergegeben, gelesen und verschenkt, ausgeliehen, vorgelesen und verbreitet wird, löst in uns eine kleine Explosion aus.

Eine Buchhandlung muss ein Ort sein, wo Stimmen ihren Platz finden, die in der Mehrheitsgesellschaft untergehen – darüber sind wir uns einig.

Kommt vorbei – Lesen bildet Banden!

Melina, Margot & Auline

Zürich, Februar 2020